Mein Bruder möchte jetzt Mareike sein. Wie gehe ich damit um?
Betreff: Ratlos
Lieber Herr Bonelli,
Sie werden Ihre Mails kaum selber lesen, geschweige denn beantworten können, einen verzweifelten Versuch ist es aber wert.
Ich bin eine 37jährige Frau, verheiratet, 6. gemeinsames Kind wird vorfreudig-gespannt erwartet, Christ. Das sind meine Eckdaten.
Um mich geht es aber nicht, oder eben doch mehr als ich dachte.
Mein Bruder Bernd, 30 Jahre, seit ca 10 Monaten in Trennung von seiner Frau lebend, Vater von 2 Kindern, hat uns als Familie vor 1 Woche mitgeteilt, dass er transgender sei und nunmehr als Mareike leben möchte.
Er ist derzeit in einer Beziehung mit einer nonbinären genderfluiden Person (Frau), mit dieser gab es während der Ehe den Versuch durch eine offene Beziehung die Ehe zu erhalten.
Mein Bruder hat schon seit Jahren Depressionen und Suizidgedanken, Gewalt durch den Vater in der Kindheit und Mobbing in der Schule, machten sein Leben nicht zu einem Bullerbü-Dasein.
Sie erahnen, dass ich (und wir als Familie, Eltern, Geschwister, etc) höchst überfordert und alarmiert sind.
Ich halte seinen Weg für falsch, darüber brauche und möchte ich aber nicht mit ihm diskutieren – ich wurde schon in die transphobe Richtung gerückt, nachdem ich einen Vortrag von Prof. Dr. Huber mit ihm geteilt habe (als Reaktion auf sein „Aufklärungsvideo“ zum Thema Transgender von „Maithink X“ für uns).
Das zeigt mir, dass ich keine Ansatzmöglichkeit habe mit ihm ins Gespräch zu kommen, wenn es darum geht in andere Richtungen der „Problemlösung“ zu denken, hormonelle Disbalance, Vatertrauma, Versöhnung mit Vergangenheit und der biologischen Geschlechtlichkeit. Das wäre doch auch eine legitime Richtung. Seither belese ich mich, was mich praktisch allerdings nicht weiterbringt.
Nun meine Situation, die mich seither wirklich zermürbt: Wie gehe ich praktisch damit um?? Ich will ihm meine (christlich geprägten) Gedanken zu diesem Trend und seinem Weg nicht um die Ohren hauen. Er ahnt er sowieso und es hat ihn garantiert unheimlich viel Überwindung gekostet uns das mitzuteilen.
Ich möchte ihm unbedingt zeigen, dass ich ihn lieb habe, vermute, dass eine Nichtzustimmung zu seinem Weg mir aber genau als das Gegenteil von Liebe ausgelegt wird.
Ich möchte ehrlich bleiben dürfen und offen für seine Not sein. Wahrheit und Liebe, wo ist die Balance oder gibt es in manchen Situationen einfach nur die Möglichkeit eines Bruchs? Davor fürchte ich mich.
Ich kann ihn auch nicht mit seinem neuen Namen ansprechen, mein Kompromiss wäre eine komplette Vermeidung von Anrede und Pronomen. Das wäre wirklich schmerzlich, aber darauf könnte ich mich einlassen.
Ganz viele Ich-Satz-Anfänge, ich weiß..
Meine Grenze sind aber zu guter Letzt oder zuallererst meine Kinder. Ich möchte sie nicht in diesen jungen Jahren damit umgeben, dass ihr Onkel nun eine Frau sei und Mareike genannt werden will. Offengestanden, möchte ich sie nicht mit ihrem Onkel in Frauenkleidung, neuem Namen und neuer Frau an seiner Seite, an einem Tisch haben. Das ist doch maximal irritierend und verwirrend. Ist das zu hart?
Wäre ich nur ich selbst, hätte ich ein entspannteres Dasein im Moment.
Falls Sie das doch erreicht und Sie einen Tipp, eine Hilfe für mich haben, wäre ich unendlich dankbar.
Herzliche Grüße
Frau Eleonora R.